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DVRW trauert um Gunther Stephenson

DVRW trauert um Gunther Stephenson

Am 21. November 2020 ist unser Kollege, Vorstandsmitglied (1968-1980), ehemaliger Vorsitzender (1976-1980) der (damals noch) DVRG und Ehrenmitglied der DVRW , Dr. phil. Gunther Stephenson im Alter von fast 95 Jahren verstorben.  

Martin Kraatz, langjähriger Leiter der Marburger Religionskundlichen Sammlung und Weggefährte von Gunther Stephenson hat dankenswerter Weise einen Nachruf für uns verfasst. Dieser kurze Nachruf ist als Kommentar zu einem etwas längeren, quasi autobiografischen Text Stephensons zu lesen, den er zu "50 Jahre Religionswissenschaft in Deutschland" im Jahr 2000 für den Newsletter der DVRG verfasst hat und der hier als PDF Datei abrufbar ist.

Dr. phil. Gunther Stephenson (1925-2020)

Nach Kurt Rudolph ist nun ein zweites Ehrenmitglied der DVRW verstorben, Gunther Stephenson am 21.November 2020. Er war eng mit dem Geschick des Deutschen Zweiges der IAHR, wie die Vereinigung zunächst noch hieß, verbunden. Schon länger im Vorstand, dann als ihr Vorsitzender von 1976 bis 1980 gelang es ihm, in diplomatischer Härte, ihr Zerbrechen zu verhindern. Unermüdlich bemühte er sich darum, dass die Religionswissenschaft endlich stärker als eine eigenständige Disziplin wahrgenommen wurde. Das gelang ihm auch dank einer vielschichtigen Korrespondenz und in zahlreichen Gesprächen mit Instanzen der Wissenschaftspolitik. Die Jahrestagungen der Vereinigung wurden unter seiner Ägide in Themen und Referaten seriöser und die Publikationen der Beiträge fanden über den Kreis der engeren Fachkollegen hinaus ein lebhaftes Echo.

Als ich jetzt erfuhr, dass er gestorben ist, angesichts seines hohen Alters nicht überraschend, aber noch nicht erwartet, wurden in mir Erinnerungen an vieles lebendig, was uns in den sechzig Jahren, die wir uns kannten, verbunden hat. Gunther Stephenson und seine Frau haben meine Frau und ich, wie auch Joachim Friedrich Sprockhoff, im Herbst 1960 kennengelernt, beim 10.Internationalen Kongreß der IAHR in Marburg. Wir alle blieben über die seitdem vergangenen sechs Jahrzehnte hin in teils offizieller, teils privater Verbindung. Mein Briefwechsel mit Stephensons füllt einen eigenen Ordner. Seinen letzten Brief an mich, handschriftliche 8 Seiten, schrieb er mir Ende Juni 2019. Lesen konnte er selber das, was er schrieb, nur noch mühsam, wie er andeutete, aber für mich war es voll lesbar. Und was er geschrieben hat, das ist in Stil und Gedanken ganz der altgewohnte Gunther Stephenson.

Er blickt, zum Beispiel, dankbar würdigend, aber auch kritisch, zurück auf seine akademischen Lehrer, auf befreundete Kollegen. Mit dem, schreibt er, „was ich in der Wissenschaft vor Jahrzehnten so von mir gegeben habe − alles nebenberuflich“, könne er „ganz zufrieden sein, vor allem einige größere, grundsätzliche Aufsätze“. Hier untertreibt er mächtig. Als Bibliothekar an der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek Darmstadt, zuletzt in leitender Funktion, war er bereits voll gefordert, hat sich aber immer zugleich als Religionsforscher verstanden und, mit der jeweils verfügbaren entsprechenden Literatur vertraut, sowohl zu einzelnen religionshistorischen Themen wie auch zu methodisch diskutierten Überlegungen eigene Forschungsergebnisse und tief schürfende Bedenken wie Anregungen vorgelegt. Die breite Vielfalt der von ihm aufgegriffenen Themen und Probleme ist erstaunlich.

Im Ausklang seines Briefes geht er darauf ein, dass die aktuelle Situation der Religionswissenschaft ihm wenig behagt. Die „relig. Frage“ werde gar nicht mehr angesprochen und stünde nicht mehr „im Zentrum einer Wissenschaft, die sich RW nennt“. Er war eben nicht ein distanzierter, sondern ein engagierter Religionsforscher, wie er in der Todesanzeige angemessen charakterisiert wird: „Sein Leben war stete Suche nach Erkenntnis.“ So habe ich ihn in unseren vielen, durchaus auch mal kontroversen, aber stets freundschaftlich bleibenden Gesprächen immer erlebt.

Es lohnte sich gewiss, einmal eine Bibliographie alles von ihm Publizierten zusammenzustellen, was ich jetzt hier nicht leisten kann. Vieles davon habe ich und mir das alles jetzt, als ich um den Nachruf gebeten wurde, wieder einmal angesehen.

Dabei stieß ich auch auf den Text, in dem er zu seinem 75.Geburtstag und zum 50.Jahrestag des Bestehens der DVRW, des früheren Deutschen Zweigs der IAHR, von seinem eigenen Werdegang berichtet und von der turbulenten Geschichte der DVRW, deren Vorsitzender er in besonders turbulenten Jahren gewesen ist. In diesen 22 Seiten im 32.Mitteilungsblatt Juli 2000 der, damals noch, DVRG, gibt er sich in dem, was er auswählt und wie er das tut, rückhaltlos so, wie er war. Authentischer kann ein anderer als er selber ihn gar nicht beschreiben. Darum habe ich vorgeschlagen, anstelle eines Nachrufs diesen Text noch einmal herauszubringen, jetzt natürlich nicht papieren, sondern digital. Gunther Stephenson hat sich in den seitdem vergangenen zwanzig Jahren nicht verändert. Der Vorstand der DVRW stimmte dem zu. So begegnet er uns noch einmal in seiner lebendigen eigenen Sprache und wir können ihn dankbar für sein Wirken verabschieden.

Martin Kraatz